Zeitgeschichte: Die Ereignisse von Dresden - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (3)

Am Abend des 3. Oktober 1989 spitzt sich die Situation auf dem Dresdener Hauptbahnhof zu. Der Grund: mehrere verschlossene Züge mit Botschaftsflüchtlingen aus Prag sollen über Dresden in die Bundesrepublik rollen, wie schon wenige Tage zuvor. Das man hier vielleicht noch auf die Züge gen Westen aufspringen kann, hat sich unter Ausreiseantragstellern in der ganzen DDR herumgesprochen. Hinzu kommt, dass die DDR aufgrund der Vorfälle in Prag, für Reisen in die CSSR einen Visumszwang eingeführt hat. 



Gegen Mitternacht versammeln sich auf dem Hauptbahnhof etwa 2.000 Menschen, wollen auf die Züge gen Westen aufspringen. Es kommt zu Bahnsteigblockaden. "Wir wollen raus", hallt es durch die Dresdener Kuppelhalle. Die DDR-'Volkspolizei' hat bis in die frühen Morgenstunden zu tun, die Ausreisewilligen – die zu allem bereit sind – aus dem Bahnhof zu drängen. 



Ähnliche Szenen wiederholen sich am 4. Oktober. Diesmal sind allerdings bis zu 20.000 Menschen zum Dresdener Hauptbahnhof gekommen. Als es dunkel wird, versuchen einige Hundert von Ihnen den Bahnhof zu stürmen. Sie wollen – wie am Vortag – zu den Zügen, die nach einer Verspätung von mehr als 20 Stunden Prag mittlerweile gen Dresden verlassen haben. 





Acht Hundertschaften der Polizei sind zunächst im Einsatz. Sie sind mit Helmen, weißen Plastikschildern und Schlagstöcken ausgerüstet. Am Rand stehen Wasserwerfer bereit. Was folgt sind stundenlange gewalttätige Auseinandersetzungen. Krawalle, wie es sie in der DDR seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Die eingesetzten Polizisten sind mit der Situation sichtbar überfordert. In ihren Reihen gibt es Knochenbrüche und Schädelverletzungen. So einen Steinhagel haben sie noch nie erlebt:



Auszug aus dem Einsatzprotokoll:
- 21.25 Uhr - Randalierer werfen mit Steinen und anderen Gegenständen gegen VP.
- 21.35 Uhr - Chef BDVP informiert darüber, dass von Rowdys vor dem Hbf. 1 Funkstreifenwagen der VP umgestürzt wurde und in Flammen steht.
- 22.05 Uhr - Rowdys haben den Intershop im Hbf. gestürmt.
- 22.26 Uhr - Hbf. nicht mehr arbeitsfähig, Dispatcher-Zimmer durch Rowdys besetzt.

Die Polizei-Einsatzleitung weiß sich kaum noch zu helfen, fordert zur Unterstützung zwei Hundertschaften der Nationalen Volksarmee und sieben der paramilitärischen Kampfgruppen an. Die werden jedoch nicht eingesetzt, auch weil die Polizei am Bahnhof 
mittlerweile Vertsärkung bekommen hat.



Eine Stunde vor Mitternacht sind am Dresdener Hauptbahnhof fast 2.000 Polizisten im Einsatz. Sie setzen Wasserwerfer ein, um die gewalttätigen Demonstranten zu vertreiben. Die Beamten brauchen Stunden, um die Krawallmacher aus der Kuppelhalle zu drängen.


Auf dem Bahnhofs-Vorplatz kommt es zu Festnahmen, auch friedliche Demontranten werden aufgegriffen und in den Polizeigewahrsam gebracht. Dort spielen sich unglaubliche Szenen ab. So wird den Festgenommenen das Essen verweigert. Am nächsten Tag ist das gesamte Ausmaß der Schäden am Hauptbahnhof zu sehen. Türen und Fenster sind durch Steinwürfe zerstört, Fahrkartenautomaten nicht mehr funktionstüchtig, die Glasfassade des Gebäudes auf Hunderten Quadratmeter Fläche durchlöchert. 



Auch in den folgenden Tagen gehen die teils gewalttätig geführten Auseinandersetzungen in der Dresdener Innenstadt weiter. "Wir waren der Feind und wurden mit richtigen Geschossen beworfen. Mein Schild wurde einmal mit einem angespitzten Rohr halb durchschnitten. Da hat man schon um sein Leben gebangt." So erinnert sich ein damals eingesetzter Bereitschaftspolizist.

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