Zeitgeschichte: Der 2. Oktober 1989 in Leipzig - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (2)

Nach dem Friedensgebet, das an diesem Montag bereits in zwei Leipziger Innenstadtkirchen ausgerichtet wird, strömen zwischen 20. bis 25.000 Menschen auf den zentral gelegenen Karl-Marx-Platz. Von dort aus geht es erneut in Richtung Hauptahnhof, wo die Demonstranten auf massive Polizeiketten treffen. 
Hier kommt es zur Gewalt. Hooligans des Fußballclubs 1. FC Lokomotive Leipzig greifen, so berichten es mehrere Augenzeugen, die Polizisten direkt an. Es kommt zu Schlägereien. Polizeimützen werden entwendet, Gummiknüppel gestohlen. Die Absperrung der Polizei wird durchbrochen – die Demonstranten können weiter laufen.



Ähnliches passiert wenig später erneut. Diesmal in der Nähe des Kaufhauses 'Blechbüchse'. "Durch Gruppen Jugendlicher und Einzelpersonen wurden die Sperrketten der DVP (Deutsche Volkspolizei, die Redaktion) durchbrochen. Dabei gab es tätliche Angriffe gegen VP-Angehörige und grobe Beschimpfungen." So steht es in einer internen SED-Information vom Tag danach. Dem 3. Oktober 1989.



Nachdem sie die Polizeiketten durchbrochen hatten gehen rund 1.500 Demonstranten 
auf dem Ring weiter, passieren die Leipziger Bezirksbehörde der Staatssicherheit, die sogenannte ‚Runde Ecke’. Wenige hundert Meter weiter schlägt die Polizei mit 'Sonderkräften' vor der Thomaskirche zu. Schlagstöcke und Hunde werden eingesetzt. Es kommt zu Verletzten und zahlreichen vorläufigen Festnahmen. Was neu ist: in der Nähe des Marktplatz wehren sich Hooligans, Punks und Anarchisten gemeinsam und körperlich gegen die Angriffe der Staatsmacht. Immerhin: die Leipziger Demonstranten haben es an diesem 2. Oktober 1989 zum ersten Mal geschafft, den halben Innenstadtring zu umrunden. Weiter waren sie bisher noch nie. 



An diesem Tag wird in der Ost-Berliner Gethsemanekirche unter dem Motto: "Freiheit für die politisch Inhaftierten" eine ständige Mahnwache eingerichtet. Sie ist als moralische Unterstützung für die immer noch in Haft sitzenden 19 Leipziger Oppositionellen gedacht. In den Tagen danach entwickelt sich die Gethsemanekirche immer mehr zu einem Kommunikationszentrum der Opposition. Zu einer Anlaufstelle für besorgte und empörte Jugendliche, aber auch für wissbegierige westliche Journalisten.

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